Walter Boehlich zum 100sten

Die Kritik ist tot.
Welche?
Die bürgerliche, die herrschende.
Sie ist gestorben an sich selbst, gestorben mit der bürgerlichen Welt, zu der sie gehört hat, gestorben mit der bürgerlichen Literatur, die sie schulterklopfend begleitet hat, gestorben mit der bürgerlichen Ästhetik, auf die sie ihre Regeln gegründet hat, gestorben mit dem bürgerlichen Gott, der ihr seinen Segen gegeben hat.

[…]

Wie tot ist die bürgerliche Kritik?
Sie ist so tot, dass sie nicht einmal mehr hervorbringt, was die bürgerliche Welt allemal vorgemacht hat: »Größe«.
Es gibt keine »großen« Kritiker mehr.
Es gibt höchstens Großkritiker.
Die bürgerliche Kritik wirkt nicht mehr über den ersten Tag hinaus. Sie bewirkt ihr eigenes Vergessen. Sie produziert Eintagsfliegen. Jeder Kritiker produziert seine eigenen. Alle widersprechen einander, alle sind unglaubwürdig.

Boehlich, Walter: Autodafé. In: Kursbuch 15 (1968), Kursbogen.

Er war im wahrsten Sinne des Wortes eine Ikone im kritischen Geistesleben Westdeutschlands. Sein berühmter Kursbogen „Autodafé“ hing in vielen Studenten-WGs der 1968er und nach-68er Generationen (#okboomer). Auch wenn sich viele Mitautoren des Kursbuch 15 – wie Hans-Magnus Enzensberger und F.C. Delius – von dieser „Bücherverbrennung“ (=Autodafé) der bürgerlichen Kultur Jahre später distanzierten (Delius: „Unsinn“), so war es doch ein Ausdruck und Kulminationspunkt jener Nachkriegsgesellschaft, die überall auf der Welt kulturelle Umbrüche erlebte.

Walter Boehlich (1921-2006), dessen 100. Geburtstag sich heute jährt, war eine überaus faszinierende Persönlichkeit. Er selbst verstand sich zunächst als Schüler von Ernst Robert Curtius, dem großen Romanisten und Literaturhistoriker (immer noch lesenswert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 1948), dessen Assistent er eine Zeit lang war. Er war in diesem Sinne vielfach als Herausgeber und Übersetzer europäischer Literatur (Proust, Duras, Kiergekaard u.a.) tätig. Seine Rolle als (Chef-)Lektor bei Suhrkamp entsprach diesem Antrieb als ständigem Vermittler und Bewahrer kritischer Literatur und Kultur.

Von sozialkritischem Geist geprägt waren auch seine Beiträge nicht nur im Kursbuch, sondern auch in den großen bürgerlichen Zeitungen wie DIE ZEIT oder FAZ. Sein bevorzugtes Medium war jedoch bis zuletzt seine Kolumne in der Satire Zeitschrift Titanic.

Die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam schätzt sich glücklich, seine private Arbeitsbibliothek in eigener Aufstellung im Lesesaalbereich als Nachlass in seinem Sinne zu haben. So kann dem Geist der Epoche in Vor- und Nachwendezeit aus kritischer Sicht nachgespürt werden. Es muss als glückliche Fügung bezeichnet werden, dass hier ein kultur- und wissensschaffender Autor und Verleger mit seiner eigenen Bibliothek den Nukleus bildet, wofür Bibliotheken immer schon stehen: sie bieten die Möglichkeit, durch Debatte, Diskurs und Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und ihrem Kulturbestand neues Wissen und damit Zukunft zu schaffen. Sie sind die Bewahrer des Verständnisses und der Lesbarkeit des kulturellen Erbes.

Die Walter Boehlich Bibliothek in der SLB ist eine ständige Einladung und Mahnung, sich auch mit der jüngeren kulturellen Vergangenheit zu beschäftigen. Mit der langsamen Rücknahme der Pandemie bedingten Besuchsbeschränkungen ist dies nun auch wieder vor Ort möglich. Sehen wir uns dort?

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